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Stuttgarter Zeitung, 08.01.2004

Artikel aus der
Stuttgarter Zeitung
vom 08.01.2004

Ein Drache mit Vorliebe für Trollinger Aussicht auf die ganze Stadt

Sagen und Legenden auf der Spur (12): Der Stuttgarter Tazzelwurm, ein furchtbar netter Kerl

Von Tobias Köhler

Geister und Hexen haben über Jahrhunderte hinweg quer durch die Region ihr Unwesen getrieben, der Teufel ist erschienen, Drachen haben hier gehaust - zumindest erzählen das viele Sagen und Legenden. Was ist dran an den Mythen? Die StZ hat sich auf Spurensuche begeben.

Es wäre unklug, den Tazzelwurm dieser Tage zu stören. Im Oktober ist er, schnaubend und fauchend, in seine Höhle auf dem Killesberg eingezogen. Dort hält er nun seinen Winterschlaf. Dort häutet er sich.

Schließlich muss er in Form kommen für die neue Saison, die Ende April beginnt. "Er muss gut gepflegt werden", sagt Ronny Rüchel - und tut genau das in der Werkstatt: Achsen austauschen, den Kessel abnehmen, alles durchchecken. Ronny Rüchel ist Lokführer, Mechaniker und Organisator der Kleinbahn auf dem Killesberg. Der Tazzelwurm, eine von zwei Dampfloks, Baujahr 1953, die Jahr für Jahr durch den Höhenpark tuckern. Grün-schwarz ist er angemalt, fast neun Tonnen schwer. Und wenn er sich ratternd und Dampf speiend seinen Weg durch den Park bahnt, hat er schon etwas von einem Drachen. "Da steckt eine Urkraft aus Feuer und Wasser dahinter." Und Ronny Rüchel ist sich sicher: "Auch wenn Sie mich für verrückt halten: Die Maschine lebt. Manchmal macht sie einfach nicht das, was sie soll."

Vermutlich würden die Redakteure der "Berliner Illustrirten Zeitung" den Stuttgarter Tazzelwurm trotzdem nicht anerkennen. Die Zeitungsmacher hatten 1935 eine Belohnung von 1000 Mark für denjenigen in Aussicht gestellt, "der als erster den Tatzelwurm einem wissenschaftlichen Institut zur Untersuchung einliefert". Schon im 18. und 19. Jahrhundert nämlich forschten Wissenschaftler und ganz normale Zeitgenossen nach einem Drachentier dieses Namens, das immer wieder gesichtet, aber nie eingefangen worden sein soll. Dabei handelte es sich wohl um ein "Mittelding zwischen Echse und Schlange", das sich bevorzugt in den Höhen der Alpen aufhielt. Keine Chance auf die Belohnung also fürs Killesbergbähnle, das ganz aus Metall ist und nur im Höhenpark seine Runden dreht.

Der Schweizer Zoologe Markus Kappeler, der sich in seiner Freizeit noch heute mit dem Phänomen des Tatzelwurms (nur der Stuttgarter wird mit "zz" geschrieben, denn eigentlich ist er nach seinen Tatzen benannt) beschäftigt, berichtet ohnehin Enttäuschendes über den echten Drachen: "Er ist klein, plump gebaut und von unscheinbarer, schmutzig-weißer Farbe. Er riecht unangenehm, hat einen stechenden Blick, er zischt und greift unter Umständen an."

So etwas passt nicht in die Fantasie der Stuttgarter. Der hiesige Tazzelwurm - seine Geschichte ist nur in dem längst vergriffenen Buch "Der Märchenberg. Märchen aus dem schönen Stuttgart" überliefert - sieht erstens aus wie ein richtiger Märchendrache (siehe Illustration) und ist zweitens ein richtig sympathischer Kerl. Weshalb er von der Forschung meistens übergangen wird.

Zu Unrecht, natürlich. "Der Tazzelwurm und die schöne Els" heißt das Märchen, und es geht in etwa so: Es war einmal ein Weingärtner, der baute das edelste Tröpfle in der ganzen Region Stuttgart an. Sein Weinberg, den er mit viel Liebe und Mühe pflegte, lag an jenem Hügel, über den es zum Kräherwald ging. Der Weingärtner war zu allen Menschen freundlich und hilfsbereit - und saß am Abend gerne in der Weinwirtschaft "Zum fidelen Holzwurm" oder gegenüber in der "Fröhlichen Reblaus". Als allerdings der Magistrat der Stadt Stuttgart eines Tages eine Verordnung erließ, dass alle Misthaufen, die in den Straßen vor den Häusern lagen, innerhalb eines Monats zu entfernen seien - Stuttgart sei jetzt eine vornehme Stadt geworden! - wurde der Weingärtner ob dieser Let"s-Putz-Aktion so richtig sauer, schnürte sein Bündel und zog in seine Weinberghütte.

Eines Tages hörte er dort ein merkwürdiges Stöhnen, das aus dem Inneren des Berges kam. Der Weingärtner legte Stück für Stück eine Höhle frei und lugte hinein. Er war nicht wenig erstaunt, als er einen großen Lindwurm entdeckte, der sich dort vor Jahren - von den Menschen angeschossen - versteckt hatte. "Kommst du, um mir zu helfen - oder willst du mich töten?" fragte der Drache. Natürlich half der freundliche Weingärtner und brachte einen Krug von seinem besten Trollinger. "Oh, das ist gut", sagte der Lindwurm, "so haben sie mich doch nicht umgebracht, den Tazzelwurm, wie sich mich schimpften. Ja, die Menschen sind nicht immer gut. Aber du bist es, so viel weiß ich." So verbrachte der Weingärtner viele Jahre in der Höhle des Drachen und mied die Menschen.

Der Tazzelwurm jedoch bewies noch einmal, dass er die Menschen eigentlich gerne hatte - indem er die hübsche, aber arme Tochter eines anderen Weinbauers listenreich mit einem gut aussehenden Burschen verkuppelte. Den Weinberg der schönen Els verwandelte er über Nacht in den herrlichsten im ganzen Land, den jungen Wandersmann ließ er als Weinbaugeselle bei der jungen Dame anheuern. Der Rest - inklusive Hochzeit - ergab sich ganz von selbst . . .

Eine schöne Geschichte - aber halt nur ein Märchen, das die Gemeinde der Drachenfachleute nicht recht anerkennen will. Denn ernsthafte Sichtungen eines "echten" Tatzelwurms hat es es hier zu Lande nie gegeben. Verbürgt dagegen ist, dass es just am Kräherwald Anfang des vergangenen Jahrhunderts einen Wirt mit Geschäftssinn, aber ohne Konzession gegeben hatte. Der nannte sein Anwesen in Anlehnung an ein Gedicht von Joseph Victor von Scheffel "Zum Tazzelwurm", ließ die Leute gegen ein geringes Entgelt die herrliche Aussicht auf Stuttgart genießen - und reichte dazu ein Glas Most. Wo einst dieser Biergarten war, führt heute das Sträßle "Am Tazzelwurm" vorbei. Am Haus Nummer 17 erinnert eine Metalltafel an das ehemalige Ausflugslokal.

An den Tazzelwurm aber erinnern sich die Leute heute nur noch, weil Ronny Rüchel mit seiner dampfenden und schnaufenden Diesellok durch den Höhenpark kurvt . . .

Wer heutzutage die Aussicht auf Stuttgart von dort aus genießen will, wo einst der Biergarten "Zum Tazzelwurm" war, kann das zwar nicht mehr Am Tazzelwurm 17 tun - das ist ein Privatgrundstück -, aber wenige Meter die Straße hinab ist ein kleiner, grüner, etwas zugewachsener Platz mit wunderbarem Blick über die Stadt. Noch schöner sieht man freilich gegen einen kleinen Obolus vom nahen Bismarckturm aus, der aber erst wieder von Ostern an regelmäßig (Samstag, 15 bis 19 Uhr, sonntags und an Feiertagen von 11 bis 19 Uhr) geöffnet ist. Nach Voranmeldung unter 07 11 / 2 56 02 37 ist allerdings für Gruppen gegen einen Aufpreis von 10 Euro auch in diesen Tagen eine Besichtigung möglich.

Auch die Liliputbahn im Höhenpark hat gerade Winterpause. Von Ende April an werden der Tazzelwurm und seine Kollegen allerdings wieder fahren. Nähere Informationen dazu gibt es im Internet unter
http://www.killesberg-kleinbahn.de.

Wissenswertes über den Tatzelwurm oder Tazzelwurm - ob ernst oder nicht ganz so ernst gemeint - gibt es im Internet in großer Menge zu finden. Besonders interessant sind
http://www.markuskappeler.ch/taz/frataz.html und http://www.drachenkosmos.de. Das Buch "Der Märchenberg - Märchen aus dem schönen Stuttgart" ist zuletzt 1996 im Franckh-Kosmos-Verlag Stuttgart erschienen, aber nur noch in Bibliotheken oder Antiquaritaten zu bekommen. tokö

1000 Mark für einen Beweis

Ein Wirt mit Geschäftssinn

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